Fortbildung für Lehrer und Lehrerinnen der Europaschule Budapest am 07.Oktober 2008 – Gehirngerechtes Lehren und Lernen wie?

Anschließend an die Fortbildung erfolgten zur Abrundung folgende Informationen:

Brief an die Lehrerinnen und Lehrer der Europaschule:

Ich habe mich gefreut, wieder mit Ihnen arbeiten zu dürfen. Ich hoffe, Sie konnten die eine oder andere interessante Information mitnehmen. Zur Vertiefung übermittle ich Ihnen das Kapitel „Clever Brains“ aus meinem Buch „Clever lernen: Kids“. Hier können Sie Informationen über Aufbau und Entwicklung des Gehirns nachlesen.

Der zweisprachige Unterricht an Ihrer Schule ist beeindruckend und stellt natürlich eine besondere Herausforderung für Sie dar. Da immer wieder Fragen zum Thema „Mehrsprachigkeit“ auftauchen, habe ich noch ein paar Informationen für Sie zusammengefasst.

Zweisprachigkeit: Risiko oder Chance?

Wissenschaftler haben die Gehirne von Kindern untersucht, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind und haben festgestellt, dass sie ein und dasselbe Gebiet für beide Sprachen benutzen.i Dazu ließen sie die Kinder erzählen, was sie am Vortag erlebt hatten, einmal in der einen Sprache, dann in der anderen.

Die Ergebnisse verglichen Sie mit Spätlernern und stellten dabei fest, dass späte Sprachlerner tatsächliche andere Gehirnareale benutzen: für die Fremdsprache wird sozusagen ein neues Nervennetz angelegt. Diese Ergebnisse wurden auch von einem anderen Forscherteam bestätigt.ii

Doch mittlerweile wissen wir mehr. Anscheinend ist nicht das Erwerbsalter entscheidend dafür, welche Gehirnareale wir nutzen, sondern unsere Sprachkompetenziii. Möglicherweise greifen wir beim Erlernen einer neuen Sprache zunächst auf zusätzliche Ressourcen zurück und verwenden Nervennetze, die wir später nicht mehr benötigen. Werden wir geübter, kommen wir nach und nach auch ohne zusätzliches Nervennetz aus.

So können auch Spätlerner eine Fremdsprache erfolgreich lernen!

Jede Sprache, die wir können, erleichtert uns das Erlernen einer neuen Sprache. Darum profitieren Kinder im späteren Leben davon, bereits in jungen Jahren eine Fremdsprache gelernt zu haben. So wurde zum Beispiel verglichen, wie gut Deutsche und Österreicher, die im 2. Weltkrieg nach Amerika geflüchtet sind, Englisch gelernt haben.iv Hierbei war entscheidend, ob die Personen als Kind bereits eine andere Fremdsprache erlernt hatten. War das der Fall, haben sie auch Englisch leichter erlernt.

Die erste Fremdsprache, die wir lernen, kann als Brückensprache dienen, um weitere Sprachen zu erlernen!

Diese Forschungsergebnisse sind deswegen interessant, weil Eltern manchmal zweifeln, ob sie ihre Kinder zweisprachig erziehen bzw. in eine zweisprachige Bildungseinrichtung geben sollen oder nicht.

Bilinguale Sprachenlerner im Kindesalter haben einen klaren Lernvorteil gegenüber Spätlernen, vor allem was die Aussprache betrifft. Sprachen sind aus verschiedensten Lauteinheiten zusammengesetzt: den Phonemen. Auf der ganzen Welt gibt es etwa 70 verschiedene Laute. Deutsch und Ungarisch setzen sich aus je ca. 40 Phonemen zusammen, von denen sich die meisten überschneiden.

Säuglinge können noch alle möglichen Laute voneinander unterscheiden. Sehr schnell entwickeln wir aber eine Vorliebe für Laute aus unserer Muttersprache. Wir werden sensibler für die Phoneme, die für uns wichtig sind. Das passiert nicht ohne Kosten: die Laute, die wir für unsere Muttersprache nicht benötigen, können wir mit der Zeit immer schlechter auseinanderhalten. v

Zwei- oder mehrsprachig lernende Kinder erhalten sich diese Sensibilität für die Sprachen, mit denen sie aufwachsen und können daher auch in mehreren Sprachen eine fehlerfreie Aussprache entwickeln.

Alphabetisierung

Diesem Vorteil steht gegenüber, dass Kinder im Zuge der bilingualen Alphabetisierung zwei verschiedene Laut-Schriftsymbol-Systeme kennenlernen. Durch diesen Mehraufwand ist es ein natürliches Phänomen, dass die zweisprachige Alphabetisierung, im Vergleich zur einsprachigen, methodisch und didaktisch aufwändiger sein muss. Wie Sie wahrscheinlich aus Ihrer eigenen Erfahrung wissen, sind die meisten SchülerInnen, unter der Voraussetzung, dass es pädagogisch gut gemacht wird, tatsächlich in der Lage, mehrere Orthographie-Systeme zu erlernen und können daher auch in zwei Sprachen parallel erfolgreich alphabetisiert werden.

Zu diesem Thema werden zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt. Diese betreffen in erster Linie jedoch die Vor- und Nachteile zweisprachiger Alphabetisierung von SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Im Zuge eines Schulversuchs in Deutschland wurden zweisprachig alphabetisierte (türkischen) SchülerInnen mit einsprachig alphabetisierten verglichen. Das Ergebnis war durchaus positiv: So wirkte sich eine zweisprachige Alphabetisierung nachhaltig positiv auf den Schulerfolg (und den Erwerb der deutschen Sprache) ausvi.

Ungarische Kinder an der Europaschule behutsam über eine gute Lautschulung (Verbindung Phonem – Graphem) in enger Teamarbeit zwischen österreichischen und ungarischen LehrerInnen zu alphabetisieren, ist eine richtige Entscheidung. Für deutschsprachige SchülerInnen ist es jedoch wichtig, diese Lautschulung (Verbindung Phonem – Graphem) speziell für die deutsche Sprache zu machen. Entscheidend für den Lernerfolg ist auch immer die Umgebungssprache, in der ein Kind außerhalb der Schule lebt und kommuniziert.

Bei entsprechendem pädagogischem Konzept und einer harmonisierten Methodik und Didaktik präsentiert sich die zweisprachige Alphabetisierung sicherlich als Chance und Bildungsvorteil.         Dr. Katharina Turecek, 18.10.2008

i Kim K.H. et.al. (1997). Distinct cortical areas associated with native and second languages. Nature.

ii Dehaene, S. et. al. (1997)Anatomical variability in the cortical representation of first and second language. Neuroreport

iii Abutalebi J., Cappa, S.F. & Perani, D (2001). The bilingual brain as revealed by functional neuroimaging. Bilingualism: Language and Cognition, Cambridge University Press

iv Ruprecht, A. (2006). Grundlagen der Sprachwissenschaft. Facultas

v Eimas, P.D. (2004). Speech Perception in Infants. First Language Acquisition: The Essential Readings

vi Nehr (1991). Zweisprachige Alphabetisierung türkischer Schulkinder, Marburger, Schule in der multikulutrellen Gesellschaft.

Auszug aus Clever-Brains


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